Neuer Standort der Hochschule / ein Statement

Die Diskussion um einen möglichen zukünftigen Standort der Hochschule für Kirchenmusik läuft momentan heiß.

Hier ein Statement unserers Prorektors KMD Prof. Hartmut Naumann zum zukünftigen Standort der Hochschule für Kirchenmusik Herford-Witten

23. März 2021

» Hier gibt es das Statement als Video

Wir haben als Hochschule ein Luxusproblem.
Die Kirchenleitung der Westfälischen Landeskirche hat sich für den Erhalt der Hochschule ausgesprochen und möchte gerne die beiden Fachbereiche Klassik und Pop an einem Ort zusammenbringen – großartige Nachricht! Offensichtlich ist das, was wir in Witten in der Popularmusik-Abteilung tun und das, was wir in Herford in der Klassik-Abteilung tun, so wertvoll und zukunftsträchtig, dass es nicht nur weitergehen soll, sondern dass wir uns als gemeinsame Hochschule mit neuen Ressourcen weiterentwickeln können.

Wir sind auf einem grandiosen Weg unterwegs. Als erste Musikhochschule in Deutschland haben wir es geschafft, Klassik und Popularmusik auf Augenhöhe zu entwickeln. Nicht eine Fachrichtung ist das Anhängsel der anderen. Wir achten die kulturellen Unterschiede und suchen die Gemeinsamkeiten. Inzwischen studieren in der Pop-Abteilung in Witten genauso viele Studierende Pop-Kirchenmusik wie in Herford klassische Kirchenmusik. In beiden Abteilungen gibt es professionelle Bachelor- und Masterstudiengänge. Das kann sich sehen lassen, wir könnten stolz auf diese Entwicklung sein.

Ja, die Entfernung zwischen Herford und Witten – das ist ein Problem. Wie schön wäre es, wenn Studierende sich ungezwungen in der Hochschule begegnen könnten, wenn gemeinsam geprobt, musiziert und sich ausprobiert werden könnte. Es gäbe auch Möglichkeiten, einige Fächer gemeinsam zu unterrichten. Ich glaube, wir würden ganz schnell die letzten Vorurteile überwinden, die sich in dem einen oder anderen Gemüt auf beiden Seiten zur Zeit noch tapfer halten. 

Nun haben wir das Luxusproblem – Wohin soll es gehen? Wo hat die Entwicklung der Hochschule für Klassik und Pop die besten Entwicklungschancen?

Die Kirchenleitung prüft dazu einen neuen Standort der Hochschule. Auf dem Campus der Evangelischen Hochschule in Bochum könnte ein Neubau für die gemeinsame Kirchenmusikhochschule entstehen. Ein Bau, von grundauf an die speziellen Bedürfnisse einer Musikhochschule angepasst. Probenräume, Unterrichtsräume, Konzertraum, Tonstudio – alles so abgestimmt, dass wir nach Herzenslust und zu allen Zeiten musizieren können. Dieser Neubau ist in unmittelbarer Nähe der Evangelischen Hochschule gedacht. Diese ist mit 2500 Studierenden in sozialen Berufen die größte Evangelische Hochschule Deutschlands. Hier gibt es ein reges Studentenleben, Musik- und Sozial-Studierende könnten ein Miteinander erleben und dennoch bliebe unserer Hochschule eigenständig. 

Man kann ja zum Ruhrgebiet stehen, wie man möchte. Unbestritten ist es ein kultureller Schmelztiegel. In den Großstädten Bochum, Dortmund und Essen gibt es jede Menge kultureller Andockmöglichkeiten für Klassik wie für Pop. Die Region nennt sich Metropolregion Ruhr – Es ist eine gigantische Großstadt mit 6,5 Mio. Einwohnern. Unsere Kirchenmusikhochschule mittendrin! Die Rhein-Region ist einen Katzensprung entfernt. Nach Düsseldorf und Köln – das sind keine Entfernungen. 
Hier gibt es für beide Bereiche, Klassik und Pop ganz viel Entfaltungsmöglichkeit. Die Offenheit zur Zusammenarbeit ist überwältigend: Stadt Bochum, Bistum Essen, Kirchengemeinden und der Kirchenkreis, die Ruhr-Universität Bochum und vieles mehr.

Wir haben dieses Luxusproblem. Wohin? Und es sieht so aus, als ob die Auseinandersetzung über den künftigen Hochschulstandort zu einer echten Zerreißprobe für uns als Hochschule wird. Denn in Herford gibt es einen erheblichen Widerstand gegen die Idee, ins Ruhrgebiet nach Bochum zu ziehen. Es gibt zahlreiche Protestnoten und Briefe an die Kirchenleitung, die alle seitenlang die Vorzüge von Herford als gemeinsamen Hochschulstandort anpreisen. Statt nach Bochum zu gehen, soll doch bitte alles so bleiben wie es ist. Die Pop-Abteilung – so wird betont - ist willkommen und darf sich im Umfeld des bisherigen Hochschulstandortes ansiedeln. Kein Wort darüber, wie es dem jungen Pflänzchen Popularmusik dabei erginge.

Liebe Befürworter des Standortes in Herford, liebe Kreissynode, liebe Herforder Studierenden, liebes Herforder Kollegium, liebe Einzelkämpfer, liebe Unterzeichner von Protestnoten und liebe Leserbriefschreiber: 
Ja, es gibt in den vielen Schriften auch nachvollziehbare Argumente. Ja, es gibt eine langjährige Tradition in Herford. Ja, es gab gute Zeiten. Ja, die Netzwerke sind stabil in Herford und Umgebung. Ja, ein Umzug birgt Gefahren für das Kollegium und ja, Ihr habt recht: Es gibt eine „Marke Herford“.

Das Ding ist nur, der Hochschulteil in Herford ist nicht mehr etwas Vollständiges, etwas Ganzes, etwas in sich Abgeschlossenes. Es ist eine halbe Hochschule. In Witten gibt es eine andere halbe Hochschule. Dieses halbe Gebilde unterscheidet sich nur durch das Alter von der anderen Hälfte. In der Wittener Hochschulhälfte studieren derzeit 30 Bachelor- und Masterstudierende. Das Kollegium dort umfasst 28 Dozierenden, die allerallermeisten davon Lehrbeauftragte aus der Rhein-Ruhr-Region (Düsseldorf, Köln etc.). Die Wittener Hochschulhälfte hat sich ebenfalls tragfähige Netzwerke in Witten und Umgebung aufgebaut. Es gibt auch eine Marke, die heißt Evangelische Pop-Akademie, unter deren Dach wir arbeiten.

Die gleichen Schwierigkeiten, die Ihr Herforder für den Fall beschreibt, dass die Klassikabteilung umziehen muss, die gleichen Schwierigkeiten kämen auf die Pop-Abteilung zu, müsste sie nach Herford ziehen. Da gibt es keinen quantitativen oder qualitativen Unterschied. Auch wir würden viele Lehrbeauftragte verlieren, auch wir müssten unsere Kooperationen in Witten und Umgebung aufgeben, auch wir würden unsere Marke verlieren und kämen in ein kulturelles Umfeld, dass für Jazz, Rock, Pop nicht die erste Adresse ist.

Jedoch: Im Falle des beiderseitigen Umzugs nach Bochum haben wir die reelle Chance auf einen gemeinsamen Neuanfang auf tatsächlicher Augenhöhe. Niemand ist des Anderen Untermieter. Wir gestalten gemeinsam, wir vernetzen uns in der Großstadt und in der Region. 
Wir entwickeln eine gemeinsame neue Marke an einem attraktiven Hochschulstandort.

Und ja, ein Umzug bringt viele Veränderungen mit sich. Vergangenes wird deswegen nicht wertlos. Alles, was bisher an den jeweiligen Orten gedacht, musiziert und entwickelt wurde, bleibt, nicht nur im Gedächtnis jedes Einzelnen, sondern auch im Blick auf die Entwicklung einer Region. 
Lasst uns gemeinsam etwas Neues wagen. Es ist eine großartige Chance. Pop und Klassik – beide haben die Aufgabe, sowohl Tradition zu bewahren als auch Neues in der Zeit zu schaffen. Klassik sollte nicht mit dem Image behaftet sein, nur zu bewahren und Tradition zu pflegen – und andersherum sollte Pop nicht mit dem Image behaftet sein, nur dem Zeitgeist hinterher zu laufen. Auch die Welt der Popularmusik hat viele Traditionen. Innovation ist gefragt, für uns beide und für uns als gemeinsame Hochschule. 

Wir haben ein Luxusproblem – und eine riesige Chance auf einen verheißungsvollen Neuanfang. Die letztliche Entscheidung trifft die Kirchenleitung. Und es ist gut so, dass sie nicht von uns getroffen wird. Es wird auch ohnehin kein Spaziergang, die gemeinsame Zukunft zu gestalten. Ich bin trotz allem voller Hoffnung. 

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